Venezianischer Morgen
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
15 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1918
RICHARD BEER-HOFMANN ZUGEEIGNET
Fürstlich verwöhnte Fenster sehen immer,was manchesmal uns zu bemühn geruht:die Stadt, die immer wieder, wo ein Schimmervon Himmel trifft auf ein Gefühl von Flut,
sich bildet, ohne irgendwann zu sein.Ein jeder Morgen muß ihr die Opaleerst zeigen, die sie gestern trug, und Reihnvon Spiegelbildern ziehn aus dem Kanaleund sie erinnern an die andern Male:dann gibt sie sich erst zu und fällt sich ein
wie eine Nymphe, die den Zeus empfing.Das Ohrgehäng erklingt an ihrem Ohre;sie aber hebt San Giorgio Maggioreund lächelt lässig in das schöne Ding.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der neuen Gedichte anderer Teil, S. 73, Insel-Verlag, Leipzig, 1918
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Venezianischer Morgen“, Fassung 1.726.045 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.