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Versbuch

Ein Lied hinter’m Ofen zu singen

Matthias Claudius · 17401815

34 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1782

Ein Liedhinter’m Ofen zu singen.

Der Winter ist ein rechter Mann,Kernfest und auf die Dauer;Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an,Und scheut nicht Süß noch Sauer.

War je ein Mann gesund, ist er’s;Er krankt und kränkelt nimmer,Weiß nichts von Nachtschweiß noch Vapeurs,Und schläft im kalten Zimmer.

Er zieht sein Hemd im Freien an,Und läßt’s vorher nicht wärmen;Und spottet über Fluß im ZahnUnd Kolik in Gedärmen.

Aus Blumen und aus VogelsangWeiß er sich nichts zu machen,Haßt warmen Drang und warmen KlangUnd alle warme Sachen.

Doch wenn die Füchse bellen sehr,Wenn’s Holz im Ofen knittert,Und um den Ofen Knecht und HerrDie Hände reibt und zittert;

Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht,Und Teich’ und Seen krachen;Das klingt ihm gut, das haßt er nicht,Denn will er sich todt lachen. –

Sein Schloß von Eis liegt ganz hinausBeym Nordpol an dem Strande;Doch hat er auch ein SommerhausIm lieben Schweizerlande.

Da ist er denn bald dort bald hier,Gut Regiment zu führen.Und wenn er durchzieht, stehen wirUnd sehn ihn an und frieren.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
ASMUS omnia sua SECUM portans, oder Sämmtliche Werke des Wandsbecker Bothen, Vierter Theil. S. 87-88, 1. Auflage, beim Verfasser, Wandsbeck, 1782
Digitalisat
de.wikisource.org — „Ein Lied hinterm Ofen zu singen“, Fassung 3.689.321 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Matthias Claudius starb 1815; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1885 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118521098 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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