Weißt Du, was mich schrecklich kränkt?
Lili Grün · 1904–1942
35 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1934
Daß ich um Deinetwillen nichts verlassen kann.Keinen Vater, keine Villa, nicht mal einen Ehemann.Ich wär’ so gern eine Königstochter von kaum siebzehn Jahren.Und ich würde täglich in der Kutsche fahren.Diese Kutsche wär’ aus purem Gold,Und so käm’ ich denn vorbei an der Kaserne,Wo Du stündest in meines Vaters Sold,Und es träfen sich die Augenpaare, meine schwarz und Deine grau,Und ich sähe Deine blonden HaareUnd verließe Vater, Reich und KroneUnd am nächsten Tag schon wär ich Deine Frau.
Wenn ich wenigstens ein Filmstar wäre,So ein richtiger Vamp aus Hollywood,Für den Männer täglich sich erschießen,Literweis’ ihr Blut vergießen.Eines Tages würd’ ich auf ein GastspielKurz entschlossen an die Moldau ziehn,Und die Leute schrien Bravo, Hoch und Bravo, Lili Grün!Eine tausendfache Menschenmenge sähe meiner Ankunft zuUnd von all den Vielen, Vielen würd’ ich einen nur erblicken:Das wärst Du!
Wenn ich allerwenigstens ’ne Dame der Gesellschaft wäre,Groß und schlank und stadtbekannt,Und ich säß’ in meinem roten Auto blaß und interessant —Kämst Du dann auf meinen Wegen eines Tages mir entgegen,Zum Entsetzen aller MenschenkinderLieß ich meinen AchtzylinderMitten auf der Straße stehen,Um mit Dir zu gehen!
Ach, wie gerne würde ich für Dich fliehenUeber hohe Zäune mit zerriss’nen Schuh’n,Doch wozuSoll ein MädchenOhne AnhangSowas tun?
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Prager Montagsblatt, 57. Jg., Nr. 15, 9. April 1934, S. 5, Prag, 1934
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Weißt Du, was mich schrecklich kränkt?“, Fassung 4.164.194 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Lili Grün starb 1942; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2012 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 126449090 der Deutschen Nationalbibliothek.
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