An eine todte Geliebte
Johann Baptist von Alxinger · 1755–1797
32 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1780
Hier, wo mein Aug’ dem späten MorgenrotheSo oft entgegenweint,Hier fleh’ ich dir, erschein’ o meine Todte,Erscheine deinem Freund!Hast du vergessen diese kleine Kammer,Wo einst ich bey dir saß,Und alle Lebensmüh’ und ErdejammerAn deiner Brust vergaß?
Doch ja du kömmst, zu trösten mich im Leide,Du Holde nahest dichWie Engel schön, im weissen Todtenkleide,Und so umschwebst du mich:Versprichst mir bald, was innigst ich verlange,Ein kühles sanftes Grab,Und trocknest mir die thränennasse WangeMit deinen Locken ab.
Doch bald versiegt ist diese Thränennässe,Mein mattes Auge bricht,Die Wange sinkt, und kalte TodtenblässeUmzieht mein Angesicht;Auch ich, wohl mir! werd’ auf der Bahre liegenFrey von des Lebens Last,Auch ich die schöne Palmenkron’ ersiegen,Die du ersieget hast.
Indessen eilt ihr bangen Lebensstunden,Von tausend Seufzern schwer,Eilt schnell dahin, dann bluten meine WundenIn Ewigkeit nicht mehr!Dann werd ich, wie die Sonn’ aus Finsternissen,In deine Arme gehn;Und Sterne drehen unter unsern Füssen,Und Menschen weinen sehn.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte S. 57–58, 1. Auflage, Johann Jacob Gebauer, Halle, 1780
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „An eine todte Geliebte“, Fassung 2.966.807 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Johann Baptist von Alxinger starb 1797; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1867 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118648594 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.