Es schneit
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
30 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1928
Es schneit dicke Flocken,Nicht warm aber frisch gebacken.Die setzen sich in meine Dichterlocken.In meinen Schiebernacken,Auf meine Smoking-Socken.
Sie machen den PolizistenGemütlich zum Weihnachtsmann.Da legen die TouristenIhre Polarausrüstung an.
Wir wollen uns alle zusammentun,Um den Beschluss zu fassen:Es dürfen alle Sachsen von nunAn nicht mehr ihr Land verlassen.
Sie querten mit wilder BehaglichkeitKarlmayisch gedachte FernenUnd blieben Sachsen. Es wird für sie Zeit,Sich selbst erst mal kennenzulernen.Es schneit.
Wenn hundert Leute sich einig sind,Dann fühlen sich die als GigantenUnd schwafeln vor einem vernünftigen KindWie taube verwunschene Tanten.
Es schneit. Wie in unserer Kinderzeit.Zum Wintersport eingeladen,Gehe ich schlafen. Es schneit. Es schneit.Es schneit für den Landmann Kuhfladen.
Es schneit für die Zukunft Straßendreck.Auf Gräber schneit’s weiße Rosen.Doch es schneit Erbsensuppe mit SpeckIn die Taschen der Arbeitslosen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Allerdings, S.132–133, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1928
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Es schneit“, Fassung 3.026.771 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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