Meditation
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
24 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1928
Wolleball hieß ein kleiner Hund,Über den jeder lachte,Weil er keine Beine hatte undSo viel süße Schweinereien machte.
Warum ist man überall geniert?Warum darf man nicht die Wahrheit sagen?Warum reden Menschen so geziert,Wenn sie ein Bein übers andre schlagen?
Um dies überschätzte homo sumWerd' ich täglich wirrer und bezechter.Ach, die Schlechtigkeit ist gar zu dumm,Doch die Dummheit ist noch zehnmal schlechter.
Hat der Wolleball von seinem HerrnNichts gewußt, nur Launen mitempfunden,Hatte der ihn andrerseits sehr gernUnd verstand im Grunde nichts von Hunden.
Er ist tot, auf den ich solches dichte.Mir ist Wurscht, wo sein Gebein jetzt ruht.Aber die Pointe der GeschichteMuß ich sagen: er war herzensgut.
Und sein Wolleball war gut. Er grollteNie. Ein einzig Mal nur bißEr nach mir, als ich verhindern wollte,Daß er wieder in den Hausschuh schiß.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Allerdings, S. 33–34, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1928
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Meditation“, Fassung 3.026.732 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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