Weihnachtslied
Detlev von Liliencron · 1844–1909
40 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1902
Seht! der jetzt hier vor euch steht,Ist ein Engel aus dem Himmel,Von den Sternen hergeweht,Ach, ins irdische Gewimmel.
Manches hab ich angeschaut,Ganz zuletzt die Weihnachtsbäume,Und darunter aufgebautTausend wachgewordne Träume.
Mit Knecht Ruprecht ging ich vielVor den schönen Christkindtagen,Immer neu war unser Ziel,Seinen Rucksack half ich tragen.
Unsrer Gaben Fülle lagFest verschlossen in Verstecken,Daß nicht vor dem JesustagNaseweischen sie entdecken.
Ein Klein-Lottchen konnt ich sehn,Mit dem Brüderchen, dem Fritzen,Suchten emsig auf den ZehnSchlüsselloch und Thürenritzen.
Kinder, ward der alte MannBöse, zeigte schon die Rute!Doch ich that ihn in den Bann,Bis ihm wieder lieb zu Mute.
Und nun trägt vom hellen BaumJeder seinen Schatz in Händen,Und er läßt sich selbst im TraumDie Geschenke nicht entwenden.
Ganz besonders diesmal fandMärchenbuch ich und Geschichten,Denn ich kam in jedes Land,Wo die Menschen alle dichten.
Bleibt ihr artig, kleine Schar,Wird Knecht Ruprecht an euch denken,Bringt euch auch im nächsten JahrEinen Sack voll von Geschenken.
Und dann steht ihr wie im Traum.Und noch einmal seht ihr wiederKerzenglanz und TannenbaumUnd hört alte Weihnachtslieder.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Nebel und Sonne. Der Gesammelten Gedichte dritter Band. S. 182–183, 3. Auflage, Schuster & Loeffler, Berlin und Leipzig, 1902
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Weihnachtslied (Liliencron)“, Fassung 3.779.466 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Detlev von Liliencron starb 1909; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1979 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118572954 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.