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Versbuch

Cephalus und Aurore

Christian Felix Weiße · 17261804

56 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1758

Cantate aus dem Russeau.

Die Lüfte deckte noch der dunkle Flor der Nacht,Die Welt erleuchtete nur der Diane Pracht,Als schon von Orients entfernten heißen FlüßenAurore, durch der Liebe Macht,Dem sanften Schlaf entrissen,Nach ihrem liebsten Cephal gieng,Den noch des Schlafes Arm umfieng.Sie nahet sich: Furcht, Zweifel und EntzückenEntdecken sich in ihren Blicken,Da sie den holden Jüngling sieht:Der Liebe Brand, von dem sie glüht,Erklärt sich schamhaft durch dieß Lied.

Ihr Flüsse, rauschet ganz gelinde!Weht sanft und kühl, ihr Frühlingswinde!Ihr Vögel, dämpft die Melodien!Verliehrt kein Blatt, ihr stillen Bäume,Wieg ihn, o Schlaf, in sanfte Träume!Ihr Liebesgötter, wacht um ihn!

Allein, was sag ich? nein: die blinde ZärtlichkeitVerführet mich zu weit.Leichtsinniger, ist dieß dein Sehnen,Daß dich der Schlaf besiegt?Und seufzet so dein Arm nach seiner Schönen,Daß er auf weichem Mooß hier sinkend kraftlos liegt?So soll ich ungeküßt hier einsam bey dir stehen,Und dich dem Schlaf in Armen sehen? – –Vortrefflich! ey wie sehrHoffst du auf meine Wiederkehr!

Cephalus! noch blüht dein Glücke!Cephalus, erwache doch!Bald, bald kömmt der Tag zurücke,Ein Gewölk nur deckt ihn noch!Und du weist, vor seinem BlickeFlieht Auror’: erwache doch!

So sprach sie: und der SilberwagenBringt schon vom fern den Gott getragen,Der auf die Welt sein Licht ergießt:Sein naher Glanz entschließt,Wiewohl zu spät, des Jünglings Augenlüder:Sein Glück war da, und sieh, es floh auch wieder!Er wachet, sieht sie, schreyt ihr nach:Sein Weinen ist umsonst, vergebens ist sein Ach!Sie flieht, und läßt zu seinen SchmerzenDas Bild von einem kurz beseßnen Glück,Das er verschlief, zurück.So straft die Lieb oft junge Herzen:Ihr jungen Herzen merkt, merkt ja wohl sein Geschick!

Erwartet nie den späten Morgen,Wacht ja, so bald Aurore wacht:Der Liebe Macht bleibt euch verborgen,Wenn euch der Schlummer fühllos macht.Die Schäferstunde flieht von hinnen,Als wie ein West streicht sie vorbey,Und hinterläßt den trägen SinnenVerschlafner Liebe Gram und Reu.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Scherzhafte Lieder. S. 150-153, 1. Auflage, Weidemann, Leipzig, 1758
Digitalisat
de.wikisource.org — „Cephalus und Aurore“, Fassung 601.091 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Christian Felix Weiße starb 1804; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1874 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118630563 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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