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Versbuch

Das ist nicht auszustehn

Christian Felix Weiße · 17261804

56 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1758

Wenn sich ein Narr im Pompe zeiget,Der Pöbel sich demüthig beuget,Sich niemals glaubet satt zu sehn:Das laß ich gern geschehn.Doch wenn bey magern plumpen ScherzenEin lauter Hof von ganzem HerzenSein Bravo! schreyt, schreyt: das war schön!Das ist nicht auszustehn!

Wenn Fräulein, bey der Gans gebohren,Im städtischen galanten ThorenDen Phönix aller Junker sehn,Das laß ich gern geschehn!Doch wenn hochweis erfahrne DamenDas beste Herz um Westen, NamenUnd fein fresiertes Haar verschmähn,Das ist nicht auszustehn!

Wenn junge Krieger vor ihr Leben,Das sie zu sehr empfinden, beben,Mit blasser Stirn zu Felde gehn:Das laß ich gern geschehn.Doch wenn sie ohne Graun und ZagenSich wild um Concubinen schlagen,Durch Brunst und Wein den Tod erflehn:Das ist nicht auszustehn!

Wenn oft ein Mann beym zänkschen WeibeIhr Mädchen sich zum Zeitvertreibe,So ungerecht es ist, ersehn:Das laß ich noch geschehn.Doch wenn ein Mann bey einer Schönen,Der Tugend Zier, des Jünglings Sehnen,Sucht plumpe Dirnen auszuspähn,Das ist nicht auszustehn!

Wenn Mädchen, Herzen zu berücken,Sich tagelang vorm Spiegel schmücken,Und auch was menschliches versehn,Das laß ich gern geschehn.Doch wenn es alte Jungfern wagen,Den ganzen Lenz an sich zu tragen,Zu siegen sich noch unterstehn,Das ist nicht auszustehn!

Wenn Juden niederträchtig sinnen,Durch schlauen Wucher zu gewinnen,Auf Vortheil, nicht auf Ehre sehn,Das laß ich gern geschehn!Doch wenn vom Schweiß gedrückter ArmenSich Fürsten mästen, ohn ErbarmenDa erndten, wo sie doch nicht sä’n:Das ist nicht auszustehn!

Wenn Thoren mich unglücklich schätzen,Wenn sie bey schimmerndem ErgötzenMich einsam ohne Reigen sehn;Das laß ich gern geschehn!Doch wenn sie taumelnd sich bemühen,Mich in ihr lermend Glück zu ziehen,Unwitzig Witz von mir erflehn,Das ist nicht auszustehn!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Scherzhafte Lieder. S. 141–144, 1. Auflage, Weidemann, Leipzig, 1758
Digitalisat
de.wikisource.org — „Das ist nicht auszustehn“, Fassung 2.565.252 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Christian Felix Weiße starb 1804; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1874 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118630563 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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