Regennacht
Alfred Lichtenstein · 1889–1914
24 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 3. Januar 1914
Der Tag ist futsch. Der Himmel ist ersoffen.Wie falsche Perlen hängen kleine Stumpenzerhackten Lichts umher. Und machen offenein wenig Straße, ein paar Häuserklumpen.
Verfault ist alles sonst. Und aufgefressenvon schwarzem Nebel, der wie eine Mauerherunterfällt und morsch ist. Und im Pressenbröckelt wie Schutt der Regen – dichter – grauer –
Als wollte jeden Augenblick die ganze,verseuchte Finsternis zusammensinken.Wie eine seltsame ertrunkne Pflanzeunten im Sumpf siehst du ein Auto blinken.
Die ält’sten Huren kommen angekrochenaus nassen Schatten – schwindsüchtige Kröten.Dort schleicht eins. Dorten wird ein Schein erstochen.Der Regensturz will alles übertöten …
Du aber wanderst durch die Wüsteneien.Dein Kleid hängt schwer. Durchnäßt sind deine Schuhe.Dein Auge ist verrückt von Gier und Schreien.Und dieses treibt dich – und du hast nicht Ruhe:
Vielleicht erscheint inmitten düstrer Feuerder Teufel selbst in der Gestalt des Schweines.Vielleicht geschieht etwas ganz ungeheuerBlödsinniges, Brutales, Hundsgemeines.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die Aktion : Wochenschrift für Politik, Literatur, Kunst. Jg. 4, Nr. 1, Sp. 17, 1. Auflage, Verlag Die Aktion, Berlin-Wilmersdorf, 3. Januar 1914
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Regennacht“, Fassung 3.090.594 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Alfred Lichtenstein starb 1914; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1984 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118832891 der Deutschen Nationalbibliothek.
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