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Versbuch

Todes-Erfahrung

Rainer Maria Rilke · 18751926

20 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1907

Wir wissen nichts von diesem Hingehn, dasnicht mit uns teilt. Wir haben keinen GrundBewunderung und Liebe oder Haßdem Tod zu zeigen, den ein Maskenmund

tragischer Klage wunderlich entstellt.Noch ist die Welt voll Rollen, die wir spielen.Solang wir sorgen, ob wir auch gefielen,spielt auch der Tod, obwohl er nicht gefällt.

Doch als du gingst, da brach in diese Bühneein Streifen Wirklichkeit durch jenen Spaltdurch den du hingingst: Grün wirklicher Grüne,wirklicher Sonnenschein, wirklicher Wald.

Wir spielen weiter. Bang und schwer Erlernteshersagend und Gebärden dann und wannaufhebend; aber dein von uns entferntes,aus unserm Stück entrücktes Dasein kann

uns manchmal überkommen, wie ein Wissenvon jener Wirklichkeit sich niedersenkend,so daß wir eine Weile hingerissendas Leben spielen, nicht an Beifall denkend.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Neue Gedichte, S. 56, 1. Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1907
Digitalisat
de.wikisource.org — „Todes-Erfahrung“, Fassung 3.780.442 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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