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Versbuch

Das Einhorn

Rainer Maria Rilke · 18751926

18 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1907

Der Heilige hob das Haupt, und das Gebetfiel wie ein Helm zurück von seinem Haupte:denn lautlos nahte sich das niegeglaubte,das weiße Tier, das wie eine geraubtehilflose Hindin mit den Augen fleht.

Der Beine elfenbeinernes Gestellbewegte sich in leichten Gleichgewichten,ein weißer Glanz glitt selig durch das Fell,und auf der Tierstirn, auf der stillen, lichten,stand, wie ein Turm im Mond, das Horn so hell,und jeder Schritt geschah, es aufzurichten.

Das Maul mit seinem rosagrauen Flaumwar leicht gerafft, so daß ein wenig Weiß(weißer als alles) von den Zähnen glänzte;die Nüstern nahmen auf und lechzten leis.Doch seine Blicke, die kein Ding begrenzte,warfen sich Bilder in den Raumund schlossen einen blauen Sagenkreis.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Neue Gedichte, S. 39, 1. Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1907
Digitalisat
de.wikisource.org — „Das Einhorn“, Fassung 3.780.160 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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