Wirklichkeit
Gottfried Keller · 1819–1890
14 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1860
So manchmal irre werd’ ich an der Stunde,An Tag und Jahr, ach, an der ganzen Zeit;Es gährt, es tost: doch mitten auf dem GrundeIst es so still, so kalt, so zugeschneit.
Habt ihr euch auf ein neues Jahr gefreut,Die Zukunft preisend mit beredtem Munde?Es rollt heran und schleudert, o wie weit,Euch rückwärts! – Ihr versinkt im alten Schlunde.
Und dennoch kann die Hoffnung nie verlieren!Sind auch noch viele Nächte zu durchträumen,Zu schlafen, zu durchwachen – zu durchfrieren.
So wahr erzürnte Wasser müssen schäumen,Muß, ob der tiefsten Nacht, Tag triumphiren,Und steh: schon bricht es roth aus Wolkensäumen!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Blumenlese aus den neuen Schweizerischen Dichtungen. Zweiter Band. Seite 232, Friedrich Schultheß, Zürich, 1860
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Wirklichkeit (Keller)“, Fassung 311.442 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Gottfried Keller starb 1890; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1960 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11856109X der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.