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Versbuch

Die beiden Geizhälse

Heinrich Seidel · 18421906

52 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1897

Ein Geizhals, der in Kufa lebteUnd die Vollkommenheit erstrebteEin Meister seiner Kunst zu werden,Dem ward die Kunde, dass auf ErdenKein grössrer Geizhals sei zur ZeitAls in Bassora Abu Said.Alsbald ein heilger WissensdrangIhn nach Bassora’s Mauern zwang.

Demüthig und bescheidentlichStellt er sich dort dem Meister vorUnd spricht: „Ein Schüler bittet dich,O leih’ ihm ein geneigtes Ohr.Du wirst ihm gütigst nicht verwehren,An deiner Kunst sich zu belehren.“„Willkommen!“ sprach nun dieser Mann.„Doch, dass ich dich bewirthen kann,Lass eilig uns zum Markte laufen,Um Lebensmittel einzukaufen.“Zum Bäcker ging’s: „Wie ist dein Brod?“„O Herr, so frisch und weich wie Butter!“„Ei nun da hat es keine Not!Doch Butter ist ein bessres Futter.Weil dieser er sein Brod vergleicht,Nicht Freundchen? das begreift sich leicht;Drum lassen wir den Brodkauf sein,Und holen lieber Butter ein.“Zum Milchverkäufer ging es dann:„Wie ist die Butter, lieber Mann?“„So süss und schmackhaft, frisch und weichUnd dem Olivenöle gleich,Dem köstlichsten, das nur zu haben!“„So wollen wir an Oel uns laben,Denn dieses muss doch besser sein.“Zum Oelverkäufer ging’s hinein:„Wie ist dein Oel?“ „O Herr, fürwahr,Wie Brunnenwasser frisch und klar!“„Ei, ei,“ so sprach der Geizhals nun,„Jetzt weiss ich endlich was zu thun:Wir wollen uns an Wasser laben,Weil dies das Beste, was zu haben:Wie sich das passt und herrlich fügt –Ich hab’, soviel für uns genügt,Zu Haus’ ne ganze Kufe stehn –Da wollen wir schlampampen gehn!Die leckre Mahlzeit soll uns frommen!“Und also ist es auch gekommen!Sie soffen Wasser wie die Schläuche,Bis ihnen kullerten die Bäuche.

Sodann mit manchem DankeswortHat sich an seinen HeimathsortDer Mann aus Kufa froh entfernt,Vergnügt, dass er so viel gelernt.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gesammelten Schriften Band VII: Glockenspiel, S. 230–232, 6. Tausend, Liebeskind, Leipzig, 1897
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die beiden Geizhälse“, Fassung 3.486.536 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Heinrich Seidel starb 1906; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1976 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118796089 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.