Die Zeit
Christian Felix Weiße · 1726–1804
32 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1758
Wenn mich bejahrte Spröden quälen,Mir ihrer Jugend Glück erzählen,Und auf die ietzgen Zeiten schmählen:Wie lang wird mir die Zeit!Wenn artge Mädchen mit mir spielen,Die noch wie ich, ihr Leben fühlen,Und schlau nach meinem Herzen zielen,Wie hurtig verschwindet die Zeit!
Wenn meine Vettern mich betäuben,Mir weise Regeln niederschreiben,Wie ich soll gute Wirthschaft treiben:Wie lang wird mir die Zeit!Doch wenn sie wie der Tejer winken,Wo eingeschänkte Gläser blinken,Mit ihnen jugendlich zu trinken,Wie hurtig verschwindet die Zeit!
Wenn mich politsche Mäckler stören,Sich wieder Türk und Pabst verschwören,Bald Reiche baun, bald sie zerstören,Wie lang wird mir die Zeit!Doch wenn mit unsrer Zeit zufrieden,Mich muntre Freund im Krieg und Frieden,Durch heitre Scherze nie ermüden:Wie hurtig verschwindet die Zeit!
Wenn meine Wechsel langsam gehen,Die Gläubiger nicht Spas verstehenUnd Wirthe mich nicht gerne sehen,Wie lang wird mir die Zeit!Doch wenn die volle Börse klinget,Man Wein mir ungefordert bringet,Wenn man bald tanzt, bald küßt, bald singet:Wie hurtig verschwindet die Zeit!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Scherzhafte Lieder. S. 55-56, 1. Auflage, Weidemann, Leipzig, 1758
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Zeit“, Fassung 3.579.640 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Christian Felix Weiße starb 1804; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1874 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118630563 der Deutschen Nationalbibliothek.
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