Alte Feinde
Ada Christen · 1844–1901
52 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1870
I.
Wie mit einem einz’gen SchlagIst die Welt um mich verwandelt,Lächelnd knixet Tag um Tag,Was mich einst so schlecht behandelt.Heute reichet mir die Hand,Was einst Schmähungen gesendet,Heute naht im Festgewand,Was sich einst von mir gewendet.Euer Haß war die Gewalt,Die mich einst hinausgetrieben –Aber unbewegt und kaltLäßt mich heute Euer Lieben!
II.
Ei, wie mächtig und bezwingendDünkt Euch fast ein einzig Wort,Glaubt Ihr wohl, es nehme plötzlichJahrelanges Elend fort?Ei, versucht des Wortes AllmachtAn dem Meer, das wild empört,Sturmgepeitscht so düster grollet,Ob es Euer Wort beschwört.Und Ihr wähnt, das Herz, das wilde,Das die Bitterkeit gestählt,Macht ein mildes Wort vergessen,Wie Ihr es gepeitscht – gequält?!
III.
Wie so kleinlich, wie erbärmlichBeugt Ihr Euch vor meiner Macht,Vor den Herzblut-Purpurfetzen,Vor der Dornenkrone Pracht.O, ich hör’s, aus Eurem LobeZuckt der alte Spott, die Schmach,Denn Ihr könnt es nimmer glauben,Daß ich meine Ketten brach;Ich zerbrach sie doch! O glaubet,Meine Selbstverachtung schwand,Als ich Euch so feig, so hündisch,So verachtungswürdig fand.
IV.
Wohl könnt Ihr mäkeln jetzt an Wort und That,Könnt mich verdammen, seht, es rührt mich nimmer;Ich hasche nicht nach Eurem feilen RathUnd morscher Tugend fahlen Moderschimmer!Ich trachte nimmermehr nach Eurer Lieb’,Ich werde liebearm und einsam schreiten,Doch jene Waffe, die einst fort mich trieb,Sie wird nun stumpf von meinem Panzer gleiten.O, ich war elend! – jeder böse ZugIn Euren kalten Larven mahnt mich wieder,Wie Jeder von Euch tückisch nach mir schlug,In mir vernichtet meine reinsten Lieder!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Aus der Asche. Neue Gedichte. Seite 25–28, Hoffmann & Campe, Hamburg, 1870
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Alte Feinde“, Fassung 4.427.731 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Ada Christen starb 1901; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1971 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 119549263 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.