Spätherbst in Venedig
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
14 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1918
Nun treibt die Stadt schon nicht mehr wie ein Köder,der alle aufgetauchten Tage fängt.Die gläsernen Paläste klingen spröderan deinen Blick. Und aus den Gärten hängt
der Sommer wie ein Haufen Marionettenkopfüber, müde, umgebracht.Aber vom Grund aus alten Waldskelettensteigt Willen auf: als sollte über Nacht
der General, des Meeres die Galeerenverdoppeln in dem wachen Arsenal,um schon die nächste Morgenluft zu teeren
mit einer Flotte, welche ruderschlagendsich drängt und jäh, mit allen Flaggen tagend,den großen Wind hat, strahlend und fatal.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der neuen Gedichte anderer Teil, S. 74, Insel-Verlag, Leipzig, 1918
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Spätherbst in Venedig“, Fassung 2.199.560 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.