Schlangenbeschwörung
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
20 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1918
Wenn auf dem Markt, sich wiegend, der Beschwörerdie Kürbisflöte pfeift, die reizt und lullt,so kann es sein, daß er sich einen Hörerherüberlockt, der ganz aus dem Tumult
der Buden eintritt in den Kreis der Pfeife,die will und will und will und die erreicht,daß das Reptil in seinem Korb sich steifeund die das steife schmeichlerisch erweicht,
abwechselnd immer schwindelnder und blindermit dem, was schreckt und streckt, und dem, was löst —;und dann genügt ein Blick: so hat der Inderdir eine Fremde eingeflößt,
in der du stirbst. Es ist, als überstürzeglühender Himmel dich. Es geht ein Sprungdurch dein Gesicht. Es legen sich Gewürzeauf deine nordische Erinnerung,
die dir nichts hilft. Dich feien keine Kräfte,die Sonne gärt, das Fieber fällt und trifft;von böser Freude steilen sich die Schäfte,und in den Schlangen glänzt das Gift.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der neuen Gedichte anderer Teil, S. 52, Insel-Verlag, Leipzig, 1918
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Schlangenbeschwörung“, Fassung 1.726.034 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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