Saul unter den Propheten
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
22 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1918
Meinst du denn, daß man sich sinken sieht?Nein, der König schien sich noch erhaben,da er seinen starken Harfenknabentöten wollte bis ins zehnte Glied.
Erst da ihn der Geist auf solchen Wegenüberfiel und auseinanderriß,sah er sich im Innern ohne Segen,und sein Blut ging in der Finsternisabergläubig dem Gericht entgegen.
Wenn sein Mund jetzt troff und prophezeite,war es nur, damit der Flüchtling weitflüchten könne. So war dieses zweiteMal. Doch einst: er hatte prophezeit
fast als Kind, als ob ihm jede Adermündete in einen Mund aus Erz;alle schritten, doch er schritt gerader.Alle schrieen, doch ihm schrie das Herz.
Und nun war er nichts als dieser Haufenumgestürzter Würden, Last auf Last:und sein Mund war wie der Mund der Traufen,der die Güsse, die zusammenlaufen,fallen läßt, eh er sie faßt.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der neuen Gedichte anderer Teil, S. 12, Insel-Verlag, Leipzig, 1918
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Saul unter den Propheten“, Fassung 2.630.579 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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