Der Gefangene
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
28 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1907
I
Meine Hand hat nur noch eineGebärde, mit der sie verscheucht;auf die alten Steinefällt es aus Felsen feucht.
Ich höre nur dieses Klopfenund mein Herz hält Schrittmit dem Gehen der Tropfenund vergeht damit.
Tropften sie doch schneller,käme doch wieder ein Tier.Irgendwo war es heller —.Aber was wissen wir.
II
Denk dir, das was jetzt Himmel ist und Wind,Luft deinem Mund und deinem Auge Helle,das würde Stein bis um die kleine Stellean der dein Herz und deine Hände sind.
Und was jetzt in dir morgen heißt und: dannund: späterhin und nächstes Jahr und weiter —das würde wund in dir und voller Eiterund schwäre nur und bräche nicht mehr an.
Und das was war, das wäre irre undraste in dir herum, den lieben Mundder niemals lachte, schäumend von Gelächter.
Und das was Gott war, wäre nur dein Wächterund stopfte boshaft in das letzte Lochein schmutziges Auge. Und du lebtest doch.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neue Gedichte, S. 35, 1. Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Gefangene (Rilke)“, Fassung 3.779.986 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.