Das Karussell
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
28 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1907
JARDIN DU LUXEMBOURG
Mit einem Dach und seinem Schatten drehtsich eine kleine Weile der Bestandvon bunten Pferden, alle aus dem Landdas lange zögert eh es untergeht.Zwar manche sind an Wagen angespannt,doch alle haben Mut in ihren Mienen;ein böser roter Löwe geht mit ihnenund dann und wann ein weißer Elefant.
Sogar ein Hirsch ist da ganz wie im Wald,nur daß er einen Sattel trägt und drüberein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.
Und auf dem Löwen reitet weiß ein Jungeund hält sich mit der kleinen heißen Handdieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.
Und dann und wann ein weißer Elefant.
Und auf den Pferden kommen sie vorüberauch Mädchen, helle, diesem Pferdesprungefast schon entwachsen; mitten in dem Schwungeschauen sie auf, irgendwohin, herüber —
Und dann und wann ein weißer Elefant.
Und das geht hin und eilt sich, daß es endetund kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,ein kleines kaum begonnenes Profil.Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,ein seliges, das blendet und verschwendetan dieses atemlose blinde Spiel.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neue Gedichte, S. 72, 1. Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Das Karussell“, Fassung 2.841.298 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.