Die Nacht
Friedrich Hölderlin · 1770–1843
18 Zeilen · zuerst gedruckt 1807
Rings um ruhet die Stadt. Still wird die erleuchtete Gasse,Und mit Fackeln geschmückt rauschen die Wagen hinweg.Satt gehn heim von Freuden des Tags zu ruhen, die Menschen,Und Gewinn und Verlust wäget ein sinniges HauptWolzufrieden zu Haus; leer steht von Trauben und Blumen,Und von Werken der Hand ruht der geschäftige Markt.Aber das Saitenspiel tönt fern aus Gärten; vielleicht, daßDort ein Liebendes spielt oder ein einsamer MannFerner Freunde gedenkt und der Jugendzeit; und die BrunnenImmerquillend und frisch rauschen an duftendem Beet.Still in dämmriger Luft ertönen geläutete Glocken,Und der Stunden gedenk rufet ein Wächter die Zahl.Jetzt auch kommet ein Wehn und regt die Gipfel des Hains auf,Sieh! und das Ebenbild unserer Erde, der Mond,Kommet geheim nun auch, die schwärmerische, die Nacht kommt,Voll mit Sternen, und wol wenig bekümmert um unsGlänzt die Erstaunende dort, die Fremdlingin unter den MenschenÜber Gebirgeshöhn traurig und prächtig herauf.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Leo Freiherrn von Seckendorf (Hrsg.) - Musenalmanach für das Jahr 1807; Regensburg, in der Montag- und Weißischen Buchhandlung; S. 90–91, 1, Montag- und Weißischen Buchhandlung; Regensburg, 1807
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Nacht (Hölderlin)“, Fassung 4.813.231 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Friedrich Hölderlin starb 1843; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1913 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118551981 der Deutschen Nationalbibliothek.
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