Abendphantasie
Friedrich Hölderlin · 1770–1843
25 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1800
Vor seiner Hütte ruhig im Schatten siztDer Pflüger, dem Genügsamen raucht sein Herd.Gastfreundlich tönt dem Wanderer imFriedlichen Dorfe die Abendglocke.
Wohl kehren izt die Schiffer zum Hafen auch,In fernen Städten, fröhlich verrauscht des MarktsGeschäft’ger Lärm; in stiller LaubeGlänzt das gesellige Mahl den Freunden.
Wohin denn ich? Es leben die SterblichenVon Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh’ und Ruh’Ist alles freudig; warum schläft dennNimmer nur mir in der Brust der Stachel?
Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf;Unzählig blühen die Rosen und ruhig scheintDie goldne Welt; o dorthin nimmt mich,Purpurne Wolken! und möge droben
In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb’ und Leid! –Doch, wie verscheucht von thöriger Bitte, fliehtDer Zauber; dunkel wirds und einsamUnter dem Himmel, wie immer, bin ich –
Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrtDas Herz; doch endlich, Jugend! verglühst du ja,Du ruhelose, träumerische!Friedlich und heiter ist dann das Alter.
Hölderlin.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Brittischer Damenkalender und Taschenbuch für das Jahr Achtzehenhundert Mit Kupfern. S. 94, Jaegersche Buchhandlung, Frankfurt am Main, 1800
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Abendphantasie (Friedrich Hölderlin)“, Fassung 4.951.840 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Friedrich Hölderlin starb 1843; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1913 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118551981 der Deutschen Nationalbibliothek.
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