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Versbuch

Hungersnot

Erich Mühsam · 18781934

28 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1920

Viele Hunderttausende liegen tot,tief ins geschändete Ackerlandvon Eisengeziefer niedergestreckt.Aus ihren Gebeinen kriecht und drohtund aus den Wüsten von Schutt und Brand –und nagt am Volksmark und saugt und lecktdes Krieges Schwester, die Hungersnot.

Sie nistet über Dächern und Tor,sie senkt sich über Menschen und Vieh,kreist über den Dörfern – ohne Laut.Kein Auge kann sie erspähn, kein Ohr;doch alle Sinne wittern sie,erschaudernd wirft sich jede Haut,und jedes Haar strafft sich empor.

Die Blicke irren hohl und starr.Ein Kind zerrt bang an der Mutter Schurz.Zum Kirchhof fährt ein winziger Sarg.Der Ortsschulz und Gemeindepfarrberaten bleich. Ihr Atem geht kurz.Schon wird’s in der eigenen Küche karg. –„Wir haben gesiegt!“ lallt blöd ein Narr.

Das Heer, das tot in der Fremde liegt,das schafft der Heimat kein Brot herbei.Doch viele zieht es sich nach in den Grund,die niemands Feind sind, von niemand bekriegt. –Millionen modern, von Jammer frei...Irr tönt aus dorrendem, lallendem Mundder Narren Ruf: „Wir haben gesiegt!“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Brennende Erde. Verse eines Kämpfers, Kurt Wolff Verlag, München, 1920
Digitalisat
de.wikisource.org — „Hungersnot“, Fassung 3.779.258 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Erich Mühsam starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118584758 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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