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Versbuch

Zäzilie

Christian Morgenstern · 18711914

30 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1981

I

Das Erste, des Zäzilie beflissen,ist dies: sie nimmt von Tisch und Stuhl die Bücherund legt sie Stück auf Stück, wie Taschentücher,jeweils nach bestem Wissen und Gewissen.

Desgleichen ordnet sie die Schreibereien,die Hefte, Mappen, Bleis und Gänsekiele,vor Augen nur das eine Ziel der Ziele,dem Genius Ordnung das Gemach zu weihen.

Denn Sauberkeit ist nicht zwar ihre Stärke,doch Ordnung, Ordnung ist ihr eingeboren.Ein Scheuerweib ist nicht an ihr verloren.Dafür ist Symmetrie in ihrem Werke.

II

Zäzilie soll die Fenster putzen,sich selbst zum Gram, jedoch dem Haus zum Nutzen.

Durch meine Fenster muß man, spricht die Frau,so durchsehn können, daß man nicht genauerkennen kann, ob dieser Fenster GlasGlas oder bloße Luft ist. Merk dir das.

Zäzilie ringt mit allen Menschen-Waffen ...Doch Ähnlichkeit mit Luft ist nicht zu schaffen.Zuletzt ermannt sie sich mit einem Schrei –und schlägt die Fenster allesamt entzwei!Dann säubert sie die Rahmen von den Resten,und ohne Zweifel ist es so am besten.Sogar die Dame spricht zunächst verdutzt:So hat Zäzilie ja noch nie geputzt.

Doch alsobald ersieht man, was geschehn,und sagt einstimmig: Diese Magd muß gehn.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Alle Galgenlieder. S. 69–70, Diogenes, Zürich, 1981
Digitalisat
de.wikisource.org — „Zäzilie“, Fassung 3.780.019 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Christian Morgenstern starb 1914; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1984 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11881169X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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