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Versbuch

Amynt

Christian Fürchtegott Gellert · 17151769

56 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1769

Amynt, der sich in großer Noth befand,Und, wenn er nicht die Hütte meiden wollte,Die hart verpfändet war, zehn Thaler schaffen sollte,Bat einen reichen Mann, in dessen Dienst er stand,Doch diesesmal sein Herz vor ihm nicht zu verschließen,Und ihm zehn Thaler vorzuschießen.Der Reiche gieng des Armen Bitten ein.Denn gleich aufs erste Wort? Ach nein!Er ließ ihm Zeit, erst Thränen zu vergießen;Er ließ ihn lange trostlos stehn,Und oft um Gottes Willen flehn,Und zweymal nach der Thüre gehn.Er warf ihm erst mit manchem harten FlucheDie Armuth vor, und schlug hieraufIhm in dem dicken RechnungsbucheDie Menge böser Schuldner auf,Und fuhr ihn, (denn dafür war er ein reicher Mann,)Bey jeder Post gebietrisch schnaubend an.Dann fieng er an sich zu entschließen,Dem redlichen Amynt, der ihm die Handschrift gab,Auf sechs Procent zehn Thaler vorzuschießen,Und dieß Procent zog er gleich ab.

Indem daß noch der Reiche zählte:So trat sein Handwerksmann herein,Und bat, weils ihm an Gelde fehlte,Er sollte doch so gütig seynUnd ihm den kleinen Rest bezahlen.Ihr kriegt itzt nichts, fuhr ihn der Schuldherr an;Allein der arme HandwerksmannBat ihn zu wiederholten malen,Ihm die Paar Thaler auszuzahlen.Der Reiche, dem der Mann zu lange stehen blieb,Fuhr endlich auf: Geht fort, ihr Schelm, ihr Dieb!„Ein Schelm? dieß wäre mir nicht lieb.„Ich werde gehn und Sie verklagen;„Amynt dort hats gehört – – Und eilends gieng der Mann.

Amynt! fieng drauf der Wuchrer an,Wenn sie euch vor Gerichte fragen:So könnt ihr ja mir zu Gefallen sagen,Ihr hättet nichts gehört. Ich will auch dankbar seyn,Und euch, statt zehn, gleich zwanzig Thaler leihn.Denn diesen Schimpf, den er von mir erlitten,Ihm auf dem Rathhaus abzubitten,Dieß würde mir ein ewger Vorwurf seyn.Kurz, wollet ihr mich nicht, als Zeuge, kränken:So will ich euch die zwanzig Thaler schenken:So kommt ihr gleich aus aller eurer Noth.

Herr, sprach Amynt, ich habe, seit zween Tagen,Für meine Kinder nicht satt Brodt.Sie werden über Hunger klagen,So bald sie mich nur wieder sehn.Es wird mir an die Seele gehn.Die Schuldner werden mich aus meiner Hütte jagen;Allein ich wills mit Gott ertragen.Streicht euer Geld, das ihr mir bietet, ein,Und lernt von mir die Pflicht, gewissenhaft zu seyn.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Zweytes Buch. S. 162-163, 1. Auflage, M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch, Leipzig, 1769
Digitalisat
de.wikisource.org — „Amynt“, Fassung 4.463.321 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Christian Fürchtegott Gellert starb 1769; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1839 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118538322 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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