Leiferde
Alfred Henschke · 1890–1928
36 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1927
Wir leben ganz im Dunkeln,uns blühen nicht Ranunkelnund Mädchen glühn uns nicht.Wir sind von Gott verworfenund unter Schmutz und Schorfenist unsre Brust mit Schwefel ausgepicht.
Der Rucksack, der ist leer,das Hirn von Plänen schwer,mit uns will’s niemand wagen.Wir finden Stell’ und Arbeit nicht,der Hunger wie mit Messern stichtden Magen.
Wir sind dahingezogendurch Not und Kot und Dreck.Der Wind hat uns verbogen,das Leben uns belogen,die Menschheit warf uns weg.
Wir wateten im Schlamm,wir kamen an den Damm,ein Zug flog hell vorüber,ach, niemand rief: Hol über!Hol über!
Es tranken Kavaliereim Speisewagen Mumm.Wir sind nicht einmal Tiere,uns wandern Herz und Niereziellos im Leib herum.
Den Klotz nun auf die Schienen,der Qualen ists genug,bald kommt der nächste Zug,wir wollen was verdienen– und sei’s auch nur das Hochgericht.Wenn wir im Aether baumelnund zu den Sternen taumeln,sehn wir zum erstenmal das Licht –das Licht.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die Harfenjule S. 37 -38, 1. Auflage, Die Schmiede, Berlin, 1927
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Leiferde“, Fassung 1.172.488 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Alfred Henschke starb 1928; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1998 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 1182379923 der Deutschen Nationalbibliothek.
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