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Versbuch

Damen-Bildnis aus den achtziger Jahren

Rainer Maria Rilke · 18751926

25 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1918

Wartend stand sie an den schwergerafftendunklen Atlasdraperien,die ein Aufwand falscher Leidenschaftenüber ihr zu ballen schien;

seit den noch so nahen Mädchenjahrenwie mit einer anderen vertauscht:müde unter den getürmten Haaren,in den Rüschen-Roben unerfahrenund von allen Falten wie belauscht

bei dem Heimweh und dem schwachen Planen,wie das Leben weiter werden soll:anders, wirklicher, wie in Romanen,hingerissen und verhängnisvoll, —

daß man etwas erst in die Schatullenlegen dürfte, um sich im Geruchvon Erinnerungen einzulullen;daß man endlich in dem Tagebuch

einen Anfang fände, der nicht schonunterm Schreiben sinnlos wird und Lüge,und ein Blatt von einer Rose trügein dem schweren leeren Medaillon,

welches liegt auf jedem Atemzug.Daß man einmal durch das Fenster winkte;diese schlanke Hand, die neuberingte,hätte dran für Monate genug.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Der neuen Gedichte anderer Teil, S. 94-95, Insel-Verlag, Leipzig, 1918
Digitalisat
de.wikisource.org — „Damen-Bildnis aus den achtziger Jahren“, Fassung 2.228.692 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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