Schlußrede zu einem Trauerspiele
Gotthold Ephraim Lessing · 1729–1781
22 Zeilen in 2 Strophen · zuerst gedruckt 1982
Gehalten von Madame Schuch1754
Euch, die Geschmack und Ernst und was nur Weise rührt,Die Tugend und ihr Lohn, ins Trauerspiel geführt,Euch macht Melpomene durch künstliches BetrügenBeklemmtes Herz zur Lust und Mitleid zum Vergnügen.Ihr fühlt es, was ein Held, der mit dem Schicksal ficht,Und mit Affekten kämpft, in schweren Worten spricht;Ihr folgt ihm durch den Kampf, mit gleich geteilten TriebenZu hassen, wenn er haßt, und wenn er liebt, zu lieben.Ihr hofft, ihr tobt mit ihm; ihr teilt sein Weh und WohlUnd kurz ihr habt das Herz, wie man es haben soll.Schämt euch der Wehmut nicht, die feucht im Auge schimmert,Gönnt ihr, ach! gönnet ihr den Ausbruch! Unbekümmert,Ob Wesen oder Schein, ob Wahrheit oder Trug,Den Panzer um das Herz mit süßer Macht zerschlug.Die Gottheit des Geschmacks zählt jedes Kenners ZähreUnd hebt sie teuer auf, zu sein und unsrer Ehre.Zu unsrer Ehre? – Ja, als Teil an unserm Lohn,Durch der Gebärden Reiz, durch Mienen, Tracht und Ton,Und durch die ganze Kunst ruhmvoller Heuchlergaben,Der Tadelsucht zum Trotz! sie euch erpreßt zu haben.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Sinngedichte. In: Lessings Werke, Band 1. S. 25, Insel Verlag, Frankfurt a. M., 1982
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Schlußrede zu einem Trauerspiele“, Fassung 2.345.105 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Gotthold Ephraim Lessing starb 1781; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1851 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118572121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.