Unter Schwarzkünstlern
Christian Morgenstern · 1871–1914
34 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1981
Eines Mittags las man:‚Pfiffe zu mieten gesucht!Hundertweis, zu jedem Preis!Victor Emanuel Wasmann!‘
Um sechs Uhr kam der erste Pfiffvon einem alten Kohlenschiff.Um acht Uhr waren’s tausend schon.Um neun Uhr eine halbe Million.
Victor Emanuel Wasmann schlugdie Türe zu: Nun ist’s genug!Hört zu, ihr Pfiffe!Ich habe einen Feind (hört! hört!),der mir des Nachts die Ruhe stört, –auf den sollt ihr marschieren!
Er hat Gelächter angestellt,die schickt er nachts mir an mein Bett,da hocken sie auf der Decke,mit Flügeln weiß und Flügeln rot,und krähn und flattern mich zu Tod. –Doch alles hat sein Ende.
Die Pfiffe pfiffen wie Ein Mann;empfingen ihren Sold sodann.(Ein Schusterjungenpfiff sogarbot Wasmann sich als Bravo dar.)
Drauf ließ er sie durchs Ofenloch ..Doch lange stand er brütend noch,schrieb Zeichen, hob die Hand und schwur,ein schwarzer Meister der Natur ...
*
Bald nach diesem gingEin Herr Axel Ringkurzerhandaußer Land- –
Wasmann hatte gesiegt.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Alle Galgenlieder. S. 66-67, Diogenes, Zürich, 1981
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Unter Schwarzkünstlern“, Fassung 3.779.996 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Christian Morgenstern starb 1914; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1984 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11881169X der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.