Form
Vierzeiler: 54 Gedichte aus genau vier Zeilen
Vierzeiler heißt hier genau das, was es sagt: vier gezählte Verszeilen, nicht drei und nicht fünf. 54 Gedichte erfüllen diese Bedingung, darunter Stücke von Gotthold Ephraim Lessing, Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Hölderlin und Joachim Ringelnatz. Jedes passt vollständig auf eine Karte, und bei jedem stehen Verfasser, Druckausgabe und Jahr, damit die Angabe darunter stimmt.
54 Gedichte von 16 Verfasserinnen und Verfassern · davon 54 mit höchstens 12 Zeilen
Alle Gedichte: Vierzeiler
Kürzestes zuerst. Jede Zeilenzahl ist gezählt, nicht geschätzt.
- Abschied an den LeserGotthold Ephraim Lessing · 4 Zeilen
- Am KanalJoachim Ringelnatz · 4 Zeilen
- An den LeserGotthold Ephraim Lessing · 4 Zeilen
- An einen AutorGotthold Ephraim Lessing · 4 Zeilen
- AnnonceJohann Wolfgang von Goethe · 4 Zeilen
- Anti-AlkoholHeinrich Kämpchen · 4 Zeilen
- Auf den Tod eines AffenGotthold Ephraim Lessing · 4 Zeilen
- Auf die PhasisGotthold Ephraim Lessing · 4 Zeilen
- Auf einen gewissen LeichenrednerGotthold Ephraim Lessing · 4 Zeilen
- Auf MuffelnGotthold Ephraim Lessing · 4 Zeilen
- Auf Nickel FeinGotthold Ephraim Lessing · 4 Zeilen
- Auf Trill und TrollGotthold Ephraim Lessing · 4 Zeilen
- Autographenjägern ins StammbuchFrank Wedekind · 4 Zeilen
- Beim Lesen einer SpruchsammlungTheodor Fontane · 4 Zeilen
- Das Pferd Friedrich Wilhelms auf der Brücke zu BerlinGotthold Ephraim Lessing · 4 Zeilen
- Das UnverzeihlicheFriedrich Hölderlin · 4 Zeilen
- Dem AckersmannJohann Wolfgang von Goethe · 4 Zeilen
- Der gute GlaubeFriedrich Hölderlin · 4 Zeilen
- Die blauen Veilchen der AeugeleinHeinrich Heine · 4 Zeilen
- Die Ewigkeit gewisser GedichteGotthold Ephraim Lessing · 4 Zeilen
- Die GlockeAlfred Henschke · 4 Zeilen
- Die LiebendenFriedrich Hölderlin · 4 Zeilen
- Ehemals und JetztFriedrich Hölderlin · 4 Zeilen
- ErinnerungJohann Wolfgang von Goethe · 4 Zeilen
- FerneJohann Wolfgang von Goethe · 4 Zeilen
- FreudeOtfried Krzyzanowski · 4 Zeilen
- Freundschaft und LiebeFriederike Brun · 4 Zeilen
- GeschichtschreibungTheodor Fontane · 4 Zeilen
- GrabschriftHeinrich Kämpchen · 4 Zeilen
- Graue WüsteHeinrich Kämpchen · 4 Zeilen
- Hänschen SchlauGotthold Ephraim Lessing · 4 Zeilen
- Höchster RuhmKarl Streckfuß · 4 Zeilen
- In ein StammbuchKarl Streckfuß · 4 Zeilen
- Kinder weinenJoachim Ringelnatz · 4 Zeilen
- KritikJoachim Ringelnatz · 4 Zeilen
- LebenslaufFriedrich Hölderlin · 4 Zeilen
- LiebeRichard Dehmel · 4 Zeilen
- LiebesjahrConrad Ferdinand Meyer · 4 Zeilen
- MaientagConrad Ferdinand Meyer · 4 Zeilen
- MenschenwerthKarl Streckfuß · 4 Zeilen
- MinonaFrank Wedekind · 4 Zeilen
- ReligionsunterrichtRichard Dehmel · 4 Zeilen
- SängerliebeHeinrich Kämpchen · 4 Zeilen
- ScheintodJohann Wolfgang von Goethe · 4 Zeilen
- Schmäh’ nichtHeinrich Kämpchen · 4 Zeilen
- Spuk mit Rümmel mit KumJoachim Ringelnatz · 4 Zeilen
- Süße SorgenJohann Wolfgang von Goethe · 4 Zeilen
- Thrax und StaxGotthold Ephraim Lessing · 4 Zeilen
- TörichtHeinrich Kämpchen · 4 Zeilen
- TrostGottfried August Bürger · 4 Zeilen
- Vom BergeJohann Wolfgang von Goethe · 4 Zeilen
- WundConrad Ferdinand Meyer · 4 Zeilen
- WünschelruteJoseph von Eichendorff · 4 Zeilen
- Zwei SchweinekarbonadenJoachim Ringelnatz · 4 Zeilen
Vier Zeilen – was sie tragen und worauf zu achten ist
54 Gedichte im Bestand haben genau vier Zeilen. Die meisten davon stammen von Gotthold Ephraim Lessing, der mit 13 Stücken vertreten ist; es folgen Johann Wolfgang von Goethe mit 7, Heinrich Kämpchen mit 6, Friedrich Hölderlin und Joachim Ringelnatz mit je 5, Conrad Ferdinand Meyer und Karl Streckfuß mit je 3 sowie Frank Wedekind mit 2. Kürzestes und längstes Gedicht der Abteilung sind gleich lang, nämlich vier Zeilen – eine Liste, in der die Länge nichts mehr unterscheidet und die Wahl deshalb ganz am Ton und am Anlass hängt.
Die Zuordnung ist reine Zählarbeit. Was vier Verszeilen hat, steht hier; was fünf hat, steht nicht hier, auch wenn es kaum länger wirkt. Damit unterscheidet sich diese Abteilung von der kurzen Form insgesamt, die bis zwölf Zeilen reicht, und erst recht von den langen Gedichten ab vierzig Zeilen. Ebenfalls nicht aufgenommen sind Strophen aus längeren Gedichten, auch wenn eine solche Strophe für sich vier Zeilen hätte: Gezählt wird immer das ganze Gedicht, so wie die Druckausgabe es abgrenzt. Wer hier etwas findet, findet ein vollständiges Werk, keinen Ausschnitt.
Der Bestand streut über zweihundert Jahre. Friederike Bruns „Freundschaft und Liebe“ steht in einem Druck von 1795 und beginnt mit „Hand in Hand und unzertrennbar wandeln“; Gottfried August Bürgers „Trost“ von 1789 setzt mit „Wann dich die Lästerzunge sticht,“ ein. Von Hölderlin sind fünf Vierzeiler aus dem Jahr 1799 verzeichnet, darunter „Lebenslauf“, „Die Liebenden“, „Der gute Glaube“ und „Das Unverzeihliche“. Conrad Ferdinand Meyer ist mit „Maientag“, „Wund“ und „Liebesjahr“ aus einer Ausgabe von 1882 vertreten, Frank Wedekind mit zwei Stücken von 1905, Alfred Henschke mit „Die Glocke“ von 1927.
Für Karten ist diese Form der bequemste Fall im ganzen Bestand. Vier Zeilen passen unter ein Foto, auf eine Klappkarte, in eine Traueranzeige und auf die letzte Folie einer Ansprache, ohne dass etwas gekürzt werden müsste – die Frage nach dem Auszug stellt sich hier gar nicht erst. Auch die Herkunft lässt sich unterbringen: Unter vier Zeilen bleibt fast immer Platz für den Verfassernamen und das Jahr der Ausgabe. Wo der Text am Ende in Handschrift übertragen wird, ist die Zeilenzahl ohnehin das Erste, was zählt.
Beim Vorlesen ist die Kürze eine eigene Aufgabe. Vier Zeilen sind vorbei, bevor ein Saal sich gesetzt hat. Es hilft, den Verfasser und das Jahr vorher zu nennen, danach eine deutliche Pause zu machen und den Text ruhiger zu sprechen, als der Umfang nahelegt. Zwei Vierzeiler nacheinander tragen eine kleine Ansprache besser als einer allein, wenn sie im Ton zusammenpassen; für eine längere Rede ist ein Vierzeiler eher der Schluss als das Rückgrat. In einem Stammbuch oder Gästebuch dagegen ist genau diese Kürze der Grund, warum die Form seit Jahrhunderten dort steht – Wedekinds „Autographenjägern ins Stammbuch“ von 1905 trägt den Anlass sogar im Titel.
Die Rechtslage ist bei vier Zeilen dieselbe wie bei vierhundert: Die Kürze ändert nichts. Aufgenommen ist nur, wessen Verfasser seit mindestens siebzig vollen Kalenderjahren gestorben ist, mit einzeln belegtem Sterbejahr aus dem Datensatz der Deutschen Nationalbibliothek (§ 64 in Verbindung mit § 69 UrhG). Diese Gedichte sind gemeinfrei. Man darf sie abschreiben, drucken, auf Karten setzen, vertonen, in ein Buch aufnehmen und damit Geld verdienen, ohne bei irgendwem um Erlaubnis zu bitten. Auch das Abtippen für hundert Hochzeitskarten ist gedeckt, und das Vertonen für einen Chor ebenso.
Eine Einschränkung ist im Alltag wichtiger, als sie klingt: Gemeinfrei ist der Text des Verfassers, nicht jede Fassung, in der er einem begegnet. Wer eine Übersetzung oder eine neuere Bearbeitung verwendet, greift auf eine eigene, nach § 3 UrhG geschützte Leistung zu; deren Frist läuft nach dem Tod des Übersetzers oder Bearbeiters. Bei vier Zeilen fällt das leicht unter den Tisch, weil ein Vierzeiler schnell irgendwo abgeschrieben ist. Sicher ist der Weg über den deutschen Wortlaut einer benannten alten Ausgabe – genau das ist die Fassung, die hier bei jedem Gedicht angegeben wird.
Das Jahr an einem Gedicht ist das Jahr der Druckausgabe, aus der der Text stammt, nicht das der Niederschrift. Bei Lessings „Abschied an den Leser“, das mit „Wenn du von allem dem, was diese Blätter füllt,“ einsetzt, steht deshalb 1982: eine späte Ausgabe eines sehr alten Textes. Das ist kein Widerspruch zur Gemeinfreiheit, denn geschützt wäre allenfalls eine Bearbeitung, nicht der abgedruckte alte Wortlaut. Für eine Angabe unter der Karte ist trotzdem beides sauber: Verfasser und Titel nennen, und die Ausgabe mit ihrem Jahr so übernehmen, wie sie beim Gedicht steht.
Zuletzt die Schreibung. „Zu Walde flücht’ ich, ein gehetztes Wild,“ heißt es bei Meyer – der Apostroph steht für ein weggelassenes e und war 1882 ganz gewöhnlich. Bürger schreibt „Wann“, wo heute „Wenn“ stünde. Hölderlins „Wenn ihr Freunde vergeßt, wenn ihr den Künstler höhnt,“ zeigt das ß nach kurzem Vokal, das erst die Rechtschreibreform beseitigt hat. Nichts davon sind Tippfehler, und nichts davon muss korrigiert werden. Wer die Formen für eine Karte behutsam anpasst, sollte darunter vermerken, dass die Schreibung angeglichen wurde; wer sie stehen lässt, gibt den Text so wieder, wie die Ausgabe ihn druckt.